Das höchste der Marathon- Gefühle
76 Mitglieder des Deggendorfer Laufvereins ließen sich von 32000 Teilnehmern nicht bange machen und reisten zum New York- Marathon
Deggendorf/New York.
New York erleben und dann.... Nein. Nicht sterben. So weit geht die Liebe zum Marathonlaufen auch bei den Deggendorfern nicht. Für eine halbe Hundertschaft des Laufvereins war die jüngste Vereinsreise zum Mega- Marathon in die Staaten jedoch die Krönung ihres bisherigen Sportlerdaseins.
„In New York läuft man nicht um Bestzeiten, sondern um des „Feelings willen“, unterstreicht LV- Vorsitzender Josef Stöckl. Zwar konnte er und seine Frau Denise das mit 32000 Aktiven weltgrößte Marathon- Ereignis aus gesundheitlichen Gründen nur als Zuschauer verfolgen. Trotzdem hinterließen die Veranstaltung und die Skyline, vor der sie „abläuft“, tiefen Eindruck.
49 Deggendorfer Langstreckenläufer, darunter zehn Frauen, steckten mitten in der Masse. Fast ein Dutzend von ihnen erlebte eine doppelte Premiere – bis hier hatten sie weder die Straßen von New York noch die Endlos- Distanz über 42,195 Kilometer erlebt.
Auf Händen getragen:
„Millionen von Zuschauern“ (Stöckl) trugen Neulinge und Routiniers mit ihrem Jubel gleichermaßen auf Händen. Selbst bleischwere Oberschenkel fühlten sich ob der rückhaltlosen Begeisterung der New Yorker beflügelt. Nicht jeder Deggendorfer erreichte das Ziel in seiner Traumzeit, aber alle hielten durch.
Für eine Bestzeit, so befand auch der schnellste Deggendorfer Hans Maurer, ist das Pflaster der US Metropole, nicht angetan. Zu viele, zum Teil kräftige Steigungen und Brücken, die sich bis zu 4 km hinziehen, kosten Kraft. Ebenso wie sein Vereinskamerad Georg Brandl, der eine Minute nach ihm ins Ziel kam, darf Hans Maurer trotzdem zufrieden sein. Seine Gesamtzeit von 2:41:40 Stunden brachte ihm in der Gesamtwertung den 196. Platz (von mehr als 32000 Starten!) Nur zwei deutsche Athleten erreichten das Ziel im Central Park eher.
Als weiterer Deggendorfer Spitzenläufer blieb Sepp Wurm unter der magischen Dreistunden Grenze. Er lief im doppelten Sinne gegen die Uhr. Kaum im Ziel, musste der Bundesgrenzschutz- Beamte schon wieder zum Flieger. Eine berufliche Fortbildungs- maßnahme zwang in zur vorzeitigen Heimkehr.
New York erleben:
Für die Sportfreunde begann der erholsame Teil der siebentägigen New York Tour. Eine Stadtrundfahrt und ein gemeinsamer Musicalbesuch standen für die nächsten Tage in Aussicht. Wer wollte, konnte an einem Tag Washington D.C. entdecken. Besonders Langatmige läuteten nach der Abreise ihrer Kollegen zusätzliche Urlaubsrunden ein. Sie hatten Verlängerungswochen in San Francisco, Florida, Mexico oder auf den Bahamas gebucht. Mit 42 Kilometern in den Beinen hat man sich Rast und Ruh redlich verdient. Die meisten der LV- Marathon Männer und Frauen verzichteten darauf. Entdeckungslust besiegte Müdigkeit und Muskelkater. Obwohl sie den sich über fast zwei Kilometer dehnenden Zielbereich und den verbleibenden zwei Kilometern zum Hotel meist mühsam humpelnd, mit steifen Beinen, zurücklegten, wollen Augenzeugen die leidgeprüften Läufer schon weinige Stunden später „in der Stadt“ getroffen haben.
Friedenslauf im Central Park:
Fifth Avenue und World Trade Center, das berühmte Kaufhaus „Bloomingdales“ und des Mega- Sportcenter „Nike Town“ stellten nicht das einzige Faszinosum der Großstadt dar.
Schon am Morgen vor dem Marathon hatten sich die Deggendorfer voller Enthusiasmus uns multinationale Getümmel gestürzt – bedingt durch den traditionellen „Friedenslauf“, der über fünf Meilen auf dem Schlussteil der Marathonstrecke verläuft. UN- Generalsekretär Kofi Anan, der direkt neben uns stand, begrüßte im UN Park über 20000 Teilnehmer aller Nationen. LV- Chef Josef Stöckl wäre er bei seinem Auftritt beinahe über die Füße gelaufen. Für den Staatsmann war das Deggendorfer Gesicht eines unter vielen. Für die viele aus Deutschland angereiste Sportlern hatten Stöckl und Kollegen großen Widererkennungswert,
„ Was macht der Böhmweglauf“? wollten zahllose Unbekannte wissen. Und Denise glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als sich ein fremder Herr, nach dem Befinden des Stadtsport- verbands- Vorsitzenden Peter Volkmer erkundigte. Deggendorf ist überall- oder aber die Weltstadt New York ein „Dorf“, in dem man nicht aneinander vorbei kommt. LV- Chef Stöckl ist geneigt, letzterem zuzustimmen: „Die Stadt ist denkbar einfach angelegt, wie ein Schachbrett, Verlaufen kann man sich gar nicht“, versicherte er allen Daheimgebliebenen. 2000
Weitaus größer ist das Risiko, Platzangst zu bekommen. Denn obwohl gewiss nicht menschenscheu, nahmen die Deggendorfer vor der großen Halloween- Parade in Greenwich- Village bald Reißaus. Dem rheinischen Karneval ähnlich, zogen am Vorabend des Marathons mehr als 40000 Maskenträger durch die Straßen. Rund 2,5 Millionen Schaulustige ließen der City den Atem anhalten.
Lauter nette Leute:
Angst, beraubt oder überfallen zu werden, hätten sie zu keiner Zeit gehabt, versichern die LVler. Ihres Empfindens nach seinen die Straßen sicher. Die New Yorker Bürger habe man als ausgesprochen freundlich und hilfsbereit erlebt. „Gefährliche Viertel wie Harlem oder Bronx haben wir uns nur durchs Busfenster angesehen“, erzählt Josef Stöckl. Viereinhalb Stunden Manhatten im Schnelldurchlauf. 76 Deggendorfer erhaschten einen Blick auf die Metropolitan Opera, China Town und World Trade Center, die Todesstätte von John Lennon und das Wohnhaus von Steffi Graf. Dem einen oder anderen Marathoni war das Sightseeing zu wenig. Beim Hubschrauber- Rundflug verschaffte er sich Über- und Durchblick. Die New Yorker Skyline vor Augen erscheint die Heimatstadt Deggendorf nicht nur aus der Vogelperspektive wie ein Spielzeugdorf. Die heimgekehrten Langstreckler genießen die Beschaulichkeit – in dem Bewusstsein, dass das nächste Marathon- Großevent bereits einen Namen hat. „Nächstes Jahr Anfang Oktober fahren wir nach Budapest“ kündigt der LV- Vorsitzende an. Und zum 10 jährigen Vereinsjubiläum anno 2000 nach Athen!“
Drei blieben unter drei Stunden:
„Wer beim New York – Marathon unter drei Stunden bleibt, ist ganz vorne dabei.“ Die Deggendorfer Langstreckler fanden diese Sportler- Weisheit bestätigt: Mit seiner Endzeit von 2:41:40 Stunden reite sich Hans Maurer unter die ersten 200 Läufer. Georg Brandl, der das Ziel etwa eine Minute später erreichte, wurde 210. 9im Gesamtklassement und – nach Maurer – vierter deutscher Athlet in der Wertung. Josef Wurm komplettierte das Deggendorfer „Triumvirat“ mit 2:57 Stunden und Rang 689. Berufsbedingt hatte er sich nicht intensiv vorbereiten können und musste entgegen seines sonstigen Leistungspotential etliche Minuten zugeben. Der schweren Strecke musste auch Gertraud Brandl Tribut zollen. Sie finishte mit 3:11:40 Stunden knapp hinter ihrem Vereinskollegen Werner Frammelsberger. Obwohl sie ihre persönliche Bestzeit deutlich verfehlte, waren nur 75 Frauen vor ihr im Ziel. Fast zeitgleich beendeten die zweite und dritte Deggendorfer Frau den Marathon. Die 42,195 Kilometer legten sie in 3:53:44 bzw. 3:53:04 Stunden zurück Respekt haben darüber hinaus die LVler verdient, die die Ultra- Distanz zum ersten Mal in Angriff nahmen. Als schnellste Newcomer dam Herbert Apfelbeck mit 3:42 Stunden in die Wertung. Einerfolgreiches Debüt feierten u.a. Christian Müller, Josef Rothofer, Eduard Eigenschecnk, Peter TRenner, Martina Geiger, Martina Seeböck und Lucie Menzel.